Vaterlandsverräter

Deutschland 2011, Dokumentarfilm, digital, Farbe, 96'
Regie
Annekatrin Hendel
Kontakt
Verleih Salzgeber | www.salzgeber.de
Synopsis

Ein wütender alter Mann im Ruderboot: Der Dichter und Dramatiker Paul Gratzik (1935-2018), beschimpft die Regisseurin, als sie ihn auf seine IM-Vergangenheit anspricht. Nachdem er sich von der Figur des »Denunzianten« deutlich distanziert hat, befindet er, man habe den ganzen Kapitalisten gar nicht genug »ans Bein jepinkelt« und so gesehen sei es wohl ein Fehler gewesen »bei der Stasi in Sack jehauen« zu haben. Zwischen diesen Polen wird der Film hin- und hergeworfen, eine wuchtige Erinnerungsmaschine. Hier begeben sich zwei in den Steinbruch des Verdrängten, in die Knochenmühle des Sich-Verweigerns, Streitens und Trauerns. Zu Wort kommen Gratzik selbst, Freund*innen und Weggefährten, sein Führungsoffizier (der geradezu unverschämt dem Prototyp entspricht), seine Ex-Frauen und Kinder. Eine Biografie voller Widersprüche wird erzählt in gemalten Bildern, die die Erinnerungen weniger illustrieren als atmosphärisch verdichten und in den Filmbildern von Johann Feindt die Wut, Zerrissenheit und Einsamkeit fast schmerzhaft eindringlich werden lassen. Sie zeigen einen, der ein Flüchtlingskind war, Arbeiter, gefeuerter Literaturstudent, hoch gelobtes Dichtertalent, IM und schließlich Dissident. Die Druckgenehmigung für seinen subversiven Roman Transportpaule bekommt er von der Stasi als Belohnung für treue Dienste und empfindet eben jene zunehmend als »Vaterlandsverrat«, quittiert den Dienst, outet sich bei seinen Freunden und wird somit im Osten zur Unperson und zum grantelnden, aber nicht verbitterten, Uckermark-Eremiten. Grit Lemke

Sa, 12.09.2020 14.00 Uhr Filmforum, Tickets