Italienischer Debütfilm Cosmonauta gewinnt Spielfilmpreis in Köln.

Das Frauenfilmfestival ging mit großem Erfolg gestern in Köln zu Ende und erwies sich einmal mehr als wichtiger und lebendiger Treffpunkt für Filmschaffende aus aller Welt.

Am Sonntag ging im Kölner Filmforum das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln mit der Verleihung des Internationalen Debüt-Spielfilmpreises und des Publikumspreises zu Ende. Der mit 10.000 Euro dotierte Haupt-Preis ging an die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli für ihr Spielfilmdebüt COSMONAUTA 1963 – die Zeit des Weltraum-Wettrennens zwischen den USA und der UdSSR und der ersten Frau im All, der Russin Valentina Tereschkowa. Nicchiarelli erzählt in der Coming-of-Age-Komödie von der 15jährigen Luciana, einer glühenden Verehrerin der russischen Raumfahrt. Als sie in die örtliche Vereinigung der Jungen Kommunisten eintritt, beginnt ihr Kampf um die Durchsetzung ihrer Argumente und ihrer weiblichen Identität, aber auch um den Anführer der Gruppe.

Die Mitglieder der internationalen Jury – Barbara Albert (Regisseurin & Produzentin, Österreich), Dr. Jessica Eisermann (WDR / Einsfestival) und Mirjana Karanovic (Schauspielerin, Serbien) – begründen ihre Entscheidung wie folgt:
„Der Hauptpreis geht an einen Film, der uns durch den liebevollen Blick auf seine Hauptfigur und die – auch heute noch – politische Relevanz des Themas überzeugt hat. In einer Zeit, in der starke weibliche Rollenvorbilder und die Frauenbewegung noch nicht vorhanden sind, schlägt sich die unbequeme Hauptfigur durch ihre männlich geprägte Welt. Mit tiefsinnigem Humor öffnet die Regisseurin in ihrem vielschichtigen Debüt Raum für eine widerspenstige Figur, ohne dabei moralische Hebel zu betätigen.

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury für den kanadischen Beitrag LES SIGNES VITAUX / VITAL SIGNS von Sophie Deraspe aus und möchte damit einen Film hervorheben, „der eine Geschichte über das Leben erzählt und sie dennoch äußerst mutig unter Sterbenden ansiedelt. Uns hat beeindruckt, mit welch eindringlicher Bildsprache die Regisseurin für uns die Welt zwischen Leben und Tod erschließt - ein ungewöhnlicher und aufwühlender Film.“

Die Jury zeigte sich insgesamt sehr beeindruckt von der hohen Qualität des diesjährigen internationalen Debütspielfilm-wettbewerbs, bei dem acht Filme um den Preis konkurrierten. Auffällig seien in allen Filmen die Nähe zu den Figuren, die genaue Beobachtungsgabe der Filmemacherinnen und ihr Sinn für ungewöhnliche, oft sogar verstörende Momente.

Da auch das Festival von den Auswirkungen des isländischen Vulkanausbruchs nicht verschont blieb, konnten ein Teil der avisierten Filmemacherinnen nicht wie geplant nach Köln reisen, und so kann auch Susanna Nicchiarelli den Preis leider nicht persönlich entgegen nehmen. Die italienische Journalistin Luciana Cagliotti (WDR Funkhaus Europa) wird die Regisseurin bei der feierlichen Preisverleihung vertreten. Die Preisträgerin der lobenden Erwähnung, Sophie Deraspe, ist am Abend anwesend.

Kurz vor der Preisverleihung standen dann auch die Zahlen fest: Mit ihrem Dokumentarfilm EDIE & THEA - A VERY LONG ENGAGEMENT haben die Regisseurinnen Susan Muska und Gréta Oláfsdóttirdie Gunst des Publikums gewonnen. Sie wurden mit dem mit 1.000 Euro dotierten Publikumspreis, gestiftet von der Kölner Zeitschrift CHOICES, ausgezeichnet. Einige Regisseurinnen konnten Köln in diesem Jahr aus den hinlänglich bekannten Gründen nicht erreichen, Susan Muska und Greta Olafsdóttir dagegen konnten dank des Vulkans Eyjafiallajökull ihren Preis persönlich von Rüdiger Schmidt-Sodingen (CHOICES) entgegen nehmen. Die New Yorkerinnen wären eigentlich bereits am Samstag abgereist. Wie sie stecken derzeit noch einige Festivalgäste in Köln fest und genießen die Frühlingssonne am Rhein. Mit EDIE & THEA wurde ein Film der Sektion begehrt! filmlust queer ausgezeichnet:
42 Jahre sind Edie and Thea schon ein Paar, als sie in Kanada heiraten. Sie schauen sich die Bilder ihres gemeinsamen Lebens an und erinnern sich an den Moment ihres Kennenlernens. Ihre Geschichte beginnt in den frühen 1960ern, vor Stonewall. Eines Tages fasst sich Thea ein Herz und fragt eine gute Freundin, wo eigentlich die Lesben hingehen. Es ist die Zeit der geheimen Bars, Privat-Parties und der Angst vor Entdeckung. Susan Muska und Gréta Olafsdóttir, die 1998 mit ihrem Dokumentarfilm THE BRANDON TEENA STORY Aufsehen erregten, erzählen wieder eine wahre Geschichte, diesmal eine mit einem guten Ausgang. Den Regisseurinnen gelingt ein atmosphärisch bebildertes Porträt eines Paares, das ein Leben lang sowohl für die eigene Liebe als auch für die gesellschaftliche Anerkennung lesbisch/schwuler Lebens- und Liebesgemeinschaften gekämpft hat.

Festivalleiterin Silke Räbiger zeigt sich äußerst zufrieden mit dem Verlauf des diesjährigen Festivals in Köln. „Wir spüren eine hohe Akzeptanz bei unserem Publikum, das die Nähe zu den Filmemacherinnen schätzt und die zahlreichen Diskussions-möglichkeiten intensiv nutzt. Daneben hat die Konzentration auf die Netzwerkarbeit große Bedeutung für die nachhaltige Festivalarbeit. Wir führen Filmschaffende, Journalisten und Festivalkollegen aus aller Welt zusammen. Man konnte das Festival als äußerst lebendigen Ort der Begegnung und Debatte erleben.“ Viele Regisseurinnen fordern mit zunehmender Vehemenz ein breites gesellschaftliches Forum für ihre Arbeiten, und formulieren kritisch und kämpferisch ihre Situation und Arbeitsmöglichkeiten in der Filmbranche.

Als Publikumsmagnet haben sich auch in diesem Jahr wieder viele Vorstellungen der Sektion begehrt! filmlust queer erwiesen, das mit zahlreichen ausverkauften Vorstellungen aufwarten kann.

Der Länderschwerpunkt Fokus: Rund um den Balkan hat deutliche Resonanz beim Publikum und in den Medien gefunden. Die Auseinandersetzung mit dem Filmschaffen von Regisseurinnen aus der Nachkriegszeit hat umfassende Einblicke vermittelt und ein komplexeres Verständnis für die Lebenssituation der Menschen dieser Region gefördert. Es hat nicht zuletzt auch breites Interesse bei den hier lebenden Serben, Kroaten, Bulgaren, Bosniern… gefunden. Die bekannte serbische Schauspielerin Mirjana Karanovic hatte spontan das Panel BALKAN QUEER PRIDE ergänzt, das ebenfalls von personellen Ausfällen infolge des Vulkanausbruchs betroffen war. Karanovic gehört zu den wenigen Prominenten, die sich in der Region für die Rechte von Lesben und Schwulen einsetzen, die seit Kriegsende und mit wachsenden Selbstbewusstsein und Sichtbarkeit massiven gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt sind.

Mit rund 6.500 Zuschauer_innen kann das Festival stabile Besucherzahlen vermelden. Das Kölner Festival, das einen Tag kürzer als am Dortmunder Standort ist, konnte budget- und Spielortbedingt rund 10 Programmplätze weniger als 2008 bespielen. Das Programm für die Kölner Schulen kann deutlichen Zuwachs verzeichnen, allein mit sechs Vorstellungen erreichte es über 600 Schülerinnen und Schüler und kann damit die Arbeit in der Filmbildung auch in Köln zunehmend implementieren.

Das Festival bedankt sich für die erfolgreiche und schöne Zusammenarbeit mit den Kölner Programmkinos Filmforum im Museum Ludwig, Filmpalette, Odeon und OFF Broadway.

Die kommende Festivalausgabe wird im April 2011 in Dortmund stattfinden.



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