Lärm schlagen: Die Suffragette im Stummfilm

Diverse, 1899 - 1917

Synopsis
„Du musst mehr Lärm schlagen als jeder andere, du musst aufdringlicher sein als alle anderen, über dich muss mehr in allen Zeitungen stehen als über jeden anderen. Du musst tatsächlich immer vor Ort sein und dafür sorgen, dass sie dich nicht unterbuttern, wenn du wirklich eine Veränderung durchsetzen willst.“
Emmeline Pankhurst

“You have to make more noise than anybody else, you have to make yourself more obtrusive than anybody else, you have to fill all the papers more than anybody else. In fact, you have to be there all the time and see that they do not snow you under, if you are really going to get your reform realised."
Emmeline Pankhurst

Ungebührliches Benehmen, Lärm, Gezeter und Gewalt sind nicht gerade die üblichen Verhaltensweisen, die man von einer Britin erwartet. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpften diese furchtlosen Damen 15 Jahre lang gegen die Obrigkeit und die Gesellschaft im Ganzen, um sich Gehör zu verschaffen. Dies ging einher mit der Entwicklung des Films, sodass der gesamte Kampf für uns in Bildern eingefangen ist und die landläufige Meinung widerlegt wird, die Emanzipation der Frau sei ein Resultat kriegsbedingter Umbrüche und das Leben der Mädchen habe erst mit der Bob-Frisur und den kurzen Röcken begonnen. Betrachtet man die Filme der Suffragetten und die damaligen Komödien – die geradezu Funken sprühen, wie etwa die Filme der „Tilly Girls“, die sich vergnügt den gesellschaftlichen Zwängen widersetzen – könnte man glauben, die Nachkriegsfilme weisen Zeichen eines backlash auf.

Ohne Zweifel hatten Frauen als Regisseurinnen und Komödiantinnen in den 20er Jahren nicht die Freiheit, die sie vor dem Krieg besaßen. Diese Filmauswahl basiert auf einer Reihe von Suffragetten-Filmen, die 2008 beim Filmfestival in Bologna gezeigt wurde (als Teil eines größeren Projektes, das die Arbeit von Regisseurinnen in der Stummfilm-Zeit beleuchtet), und einem Programm mit dem Namen Bad Girls of British Silent Comedy, das ich 2002 am Londoner National Film Theatre vorgestellt habe. Die Idee war, die Geschichte der Suffragetten-Bewegung im Film zu betrachten und die damals manchmal brutale Wirklichkeit (dabei zutiefst schockierend ist ein Film, in dem sich die Suffragette Emily Davison vor laufender Kamera vor ein Pferd wirft) den anarchisch lustvollen Aktionen der Komödiantinnen der Vorkriegszeit gegenüber zu stellen.

Diese Gegenüberstellung erzählt eine interessante Geschichte. Wir beginnen unser Programm mit der Jahrhundertwende und verfolgen die Aktivitäten der Schwesternschaft bis zum 1. Weltkrieg, als einige britische Frauen endlich das Wahlrecht erhielten. Gleichzeitig sehen wir, wie die widerspenstigen Mädchen der frühen Filmkomödie ihr Recht durchsetzen, zu tun und zu lassen, was sie wollten. Gerade in der Komödie können wir deutlich die Grenzen erkennen zwischen dem, was normal war (z.B. gutes Benehmen), was in einer Komödie akzeptiert wurde (ziemlich schlechtes Benehmen) und was passieren würde, falls die Forderung der Frauen nach Freiheit tatsächlich erfüllt würde (meist Frauen in Hosen und Rollentausch). Die erlaubte Freiheit in der Komödie gibt auch anderen charakteristischen Eigenschaften Raum, die dem Medium Film zugesprochen werden: Voyeurismus ebenso, wie die Betonung auf körperliche Aktion, Gewalt und Zerstörung. Film privilegiert die Jungen und Schönen, denen alles verziehen wird, und macht aus Matronen mittleren Alters Monster.

Wenn die echten Suffragetten hinreißende junge Dinger gewesen wären, hätten sie dann ihren Weg ins Parlament leichter gefunden? Diese Filme lassen uns erkennen, dass die Frauen bereits anders handelten und mehr Freiheit erwarteten als ihre Großmütter. Wie immer ist eine Veränderung in der Gesetzgebung nur das offizielle Anerkennen des Status Quo und nicht der Auslöser. Es war nicht das Gesetz von 1918, das die britischen Frauen befreite, sondern 15 harte Jahre grauenhaften Benehmens ihrerseits.

(Bryony Dixon Stummfilm-Kuratorin, British Film Institute, National Archive)

1899, 1906, 1910, 1909, 1912, 1911, 1913, 1914, 1915, 1917
Stummfilm, Kurzfilm
2009
Fokus: Freiheit